Liebe Leserin, lieber Leser,
am Donnerstag, 08.10.2026 konnten wir im Main-Echo lesen: „Wie sehr belasten uns die Dauerkrisen?“ Im Artikel wird dann ausgeführt, dass die Krisen der vergangenen Jahre Spuren in der Psyche hinterlassen: bei Frauen mehr als bei Männern; bei jüngeren mehr als bei älteren. Geschätzt wird, dass 30% der Bevölkerung psychisch erkrankt sind. Sowohl längere Krankschreibungen als auch mehr Frühverrentungen sind die Folgen.
Gleichzeitig höre ich einen Tag später im Radio den Vorschlag der Bundesregierung, dass die Kassenleistungen für psychische Erkrankungen wegen der schlechten Kassenlage gekürzt werden sollen.
Immer das gleiche Spielchen: Wenn das Geld nicht mehr ausreicht für die Kosten, die durch Veränderungen bei der Bevölkerung, bei der Modernisierung der Medizin, bei Krankheiten, die zunehmen, dann werden Maßnahmen der betroffenen Menschen gekürzt. Oder es werden die Beiträge von den abhängig Beschäftigten erhöht. Anstatt sich zu fragen, wie die Einnahmenseite verbessert werden könnte oder wie Kassenbeiträge wieder zurückerstattet werden, die von Seiten der Regierung den Krankenkassen entnommen wurden um kassenfremde Leistungen zu begleichen.
In seinem Vortrag im März 2026 griff der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Dr. Wolfgang Kessler den viel beachteten Reformvorschlag des bekannten Ökonomen Gabriel Zucman auf. Kessler erläuterte das steuerpolitische Konzept im Rahmen einer Veranstaltung in der Evangelischen Kirche in Aschaffenburg. Zu den Kernthemen seines Vortrags gehört, das Zucman-Modell (Taxe Zucman): Vorgestellt wird eine globale bzw. nationale Mindeststeuer von zwei Prozent auf alle Einzelvermögen ab einer Höhe von 100 Millionen Euro. Diese Steuer würde hierzulande die reichsten 3.500 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger betreffen. Bereits gezahlte Steuern würden dabei angerechnet werden.
Mit den prognostizierten Einnahmen (die sich laut Zucmans Berechnungen für Deutschland auf rund 17 Milliarden Euro jährlich belaufen) ließen sich zahlreiche soziale Probleme finanzieren und mehr Steuergerechtigkeit schaffen. Kessler betonte ausdrücklich die Sozialverpflichtung des Eigentums und bezeichnete Zucmans Vorschlag als pragmatischen Ausweg aus aktuellen gesellschaftlichen und finanziellen Krisen. Und mit jährlich 17 Milliarden Euro ließen sich viele Probleme lösen, die nicht die kleinen Leute belasten und ihren Alltag erschweren, sondern die Superreichen: Sie würden diese 2% Steuern überhaupt nicht merken. Den vielen anderen würden aber viele Sorgen genommen.
So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! Jesus soll zur Kopfsteuer, die vom römischen Kaiser von allen seines Reiches eingefordert wird, Stellung beziehen. Spricht er sich fürs Steuerzahlen aus, verrät er seinen jüdischen Glauben; befürwortet er keine Steuern zuzahlen, dann wird er von Seiten des Staates verfolgt.
Mit seiner sehr klugen Antwort zieht er sich aus der Affäre.
Gleichzeitig macht er uns bewusst, dass sich der Glaube sehr wohl auf das Verhalten bei den Finanzen auswirkt. Steuern müssen gerecht sein, ausgleichend wirken, die finanzstarken mehr belasten als diejenigen, die tagtäglich einen Überlebenskampf bestehen müssen.
Die Dinge regeln sich nicht alleine. Es gilt sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen. Aus christlicher Perspektive gilt es sich für Gerechtigkeit und für Frieden einzusetzen.
Einen frohen Sonntag und eine gute Woche wünscht
Pfarrer Nikolaus Hegler im Namen des Seelsorgerteams
