Vergebung und Barmherzigkeit gehören zu den zentralen Botschaften des christlichen Glaubens. Doch Vergeben bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen, alles hinzunehmen oder Gerechtigkeit aus den Augen zu verlieren. Der Wunsch nach Wiedergutmachung und danach, dass Unrecht nicht folgenlos bleibt, ist zutiefst menschlich.
Die Heilige Schrift erinnert uns jedoch daran, dass das letzte Urteil nicht uns zusteht. Wir dürfen Gerechtigkeit suchen, aber die endgültige Vergeltung gehört allein Gott. Er kennt die ganze Wahrheit, sieht, was verborgen bleibt, und wird gerecht urteilen. Darauf dürfen wir vertrauen.
Zugleich ruft uns das Evangelium zu einem barmherzigen Umgang miteinander auf. Wer um seine eigenen Fehler weiß, wer sich nicht über andere erhebt und bereit ist, ihnen mit Menschlichkeit und Versöhnungsbereitschaft zu begegnen, darf selbst auf Gottes Barmherzigkeit hoffen. Denn wie wir einander begegnen, prägt auch unser Verhältnis zu Gott.
Christliche Gemeinschaft kann deshalb keine Gemeinschaft des vorschnellen Verurteilens sein. Sie soll Menschen gerade dann zur Seite stehen, wenn sie scheitern, Schuld auf sich laden oder einen schweren Weg gehen. Den Stab über einen anderen zu brechen, ist leicht – besonders dann, wenn wir selbst das Glück hatten, von einem solchen Scheitern verschont zu bleiben.
Jesus lädt uns zu einem anderen Blick ein: nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe; nicht mit dem ausgestreckten Finger, sondern mit einem offenen Herzen. Die Geschichte der Menschheit kennt viele Warnungen vor Selbstgerechtigkeit und Hochmut, aber keine davor, zu menschlich, zu großzügig oder zu barmherzig gewesen zu sein.
Gott ist Liebe – barmherzig, geduldig und voller Güte. Wer diese Barmherzigkeit selbst erfahren möchte, ist eingeladen, sie auch anderen zu schenken. Das letzte Urteil dürfen wir getrost Gott überlassen.
Christian Sauer, Gottesdienstbeauftragter
