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15.02.2026 - 6. Sonntag im Jahreskreis

Überfließende Gerechtigkeit

Was ist Gerechtigkeit? Wann würden wir einen Menschen „gerecht“ nennen?

Ist die Mutter gerecht, die jedem Kind genau das Gleiche zukommen lässt – nach dem Motto: „Ich behandle jeden wie den anderen.“

Oder ist die Mutter gerecht, die sagt: Meinen Jakob muss ich anders behandeln als meine Mia. Denn von ihrem Wesen sind sie grundverschieden. Jakob braucht einfach mehr Zuneigung und Nachsicht als die selbstbewusste Mia.

Welche der beiden Mütter ist „gerecht“?

Was ist Gerechtigkeit? Jedem das Gleiche. Oder jedem nach Leistung? Wer mehr leistet, bekommt auch mehr! Oder jedem so viel, wie er braucht?

Auch bei Jesus geht es im Evangelium des kommenden Sonntags um dieses Thema der Gerechtigkeit. Er hält seinen Schülern vor: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“

Was stellt sich Jesus unter einer „größeren“ Gerechtigkeit vor? Was ist damit gemeint? Jesus spricht von einer Gerechtigkeit „über die Maßen“. Wie eine solche „überfließende Gerechtigkeit“ gehen kann, sollen zwei Beispiele zeigen, eines aus alter Zeit und eines aus unserer Gegenwart:

Eine Erzählung von Franz von Assisi: Zur Anfangszeit, als die ersten Brüder sich Franziskus anschlossen hatten, vereinbarte er mit ihnen ein strenges Fasten. Da geschah es, dass zur Mitternachtsstunde ein Bruder zu schreien anfing: „Ich sterbe, ich sterbe“. Erstaunt und erschrocken wachten alle auf und Franziskus fragte: „Wer hat das gesagt?“ Und einer der Brüder sagte: „Ich war es, denn ich sterbe vor Hunger!“ Daraufhin ließ Franziskus den Tisch zubereiten, und da er ein Mensch mit großem Mitgefühl und Einfühlungsvermögen war, aß er mit ihm, damit dieser sich nicht schämen müsse, allein zu essen. Er wollte zudem, dass alle andere mitaßen.

Franziskus stellt den Mitbruder, der dem strengen Fasten nicht gewachsen ist, nicht bloß, sondern versetzt sich in seine Lage, ist empathisch. Er handelt nach dem Motto: Erbarmen vor Vorschrift. Mitgefühl mit Schwäche vor der Durchsetzung eines Ideals. Das ist „überfließende“ Gerechtigkeit.

Ein zweites Beispiel aus unserer Zeit: Elie Wiesel im KZ Buchenwald. Er war 16 Jahre alt und hatte seine ganze Familie verloren. Im Rückblick schreibt er: „Ich erinnere mich an einen polnischen Rabbi. Es war am Ende von Jom Kippur, unserem höchsten Feiertag, für den das Gesetz strenges Fasten vorschreibt. Da bemühte er sich, diejenigen zu trösten, die nicht gefastet hatten. Das Gesetz verlangt von den Juden nicht, dass sie unter Lebensgefahr fasten, sprach er zu ihnen.

Der Rabbi selbst hatte gefastet. Aber aufgrund seiner Schwäche wurde er bei der nächsten Selektion mitgenommen. Als er abgeführt wurde, bat er seine Blockkameraden, das Totengebet zu sprechen. Der ganze Block betete für ihn.“

Das ist die „überfließende“ Gerechtigkeit: Sich selbst ganz streng an die Gebote halten, aber angesichts einer Krise andere davon entlasten, ihnen kein schlechtes Gewissen machen.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht
Diakon Alexander Fuchs
 

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