Ein Durchschnittsbürger in unserem Land lässt morgens um 6.18 Uhr nach 6 Stunden und 59 Minuten Schlaf den Wecker klingeln. Er putzt sich die Zähne mit einer Zahnbürste, die er im Schnitt zwei Mal pro Jahr wechselt. Vielleicht weckt er dann eines seiner durchschnittlich 1,37 Kinder auf? Ein hierzulande ganz normaler Tagesbeginn eines ganz normalen Menschen. Das gaukelt uns zumindest die Statistik vor.
Für manche ist es eine große Angst, nicht „normal“ zu sein. Was denken die anderen von mir, wenn ich mich nicht nach der aktuellen Mode richte? Was denken meine Mitschüler von mir, wenn ich mit 16 noch Ministrantin bin? Was denken die Arbeitskollegen von mir, wenn ich keine Lust auf Urlaub in Trendländern wie Kroatien, Spanien, Italien, Türkei usw. habe? Wie schnell fällt man auf, wenn ich aus der Reihe tanze, wenn mir derzeitige Trends egal sind, wenn ich Dinge tue, die derzeit nicht „in“ sind. Wie schnell wird da über einen geredet, wie schnell gerät man in eine Außenseiterrolle.
Da ist es schon eine Verführung, so zu sein wie die meisten anderen. Denn Maßstäbe und Normen werden in unserer Gesellschaft dadurch gesetzt, was die Mehrheit tut. Das gilt dann als normal. Die Mehrheit der Medien hält uns dann die vermeintliche „Normalität“ vor Augen: die heile Familie am Frühstückstisch, den gewitzten Geldanleger, den kraftvollen Autofahrer, die Frau mit dem Superkörper, den erfolgreichen Sportler.
Und ganz besonders weh tut es, wenn die Mehrheit im Familien- oder Freundeskreis irgendetwas für „normal“ erklärt, wo ich selbst überhaupt nicht mitmachen kann.
Damit das alles nicht passiert, wird gepaukt, gehungert, werden Kredite aufgenommen. Und das alles nur, um irgendwie „normal“ zu sein.
Welch anderer Ton schlägt uns da aus dem Römerbrief an diesem Sonntag entgegen. Paulus fordert die Christen in Rom auf:
„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“
Das ist doch geradezu eine Aufforderung, nicht „normal“ zu sein, nicht so zu ticken, wie die Mehrheit tickt, anders zu denken als was gerade „Mainstream“ ist.
Solche Schriftworte fordern uns wieder einmal heraus, zu der Frage Stellung zu nehmen: Von wem lasse ich mir meine Normen, meine Maßstäbe setzen?
Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht
Diakon Alexander Fuchs
