Die Theologin Dorothe Sölle schrieb einmal provozierend im Blick auf unsere Gesellschaft:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er stirbt sogar am Brot allein, einen allgegenwärtigen, schrecklichen Tod, den Tod am Brot allein, den Tod der Verstümmelung, den Tod des Erstickens, den Tod aller Beziehungen. Den Tod, bei dem wir noch eine Weile weitervegetieren können, weil die Maschine noch läuft, den furchtbaren Tod der Beziehungslosigkeit: Wir atmen noch, konsumieren weiter, wir scheiden aus, wir erledigen, wir produzieren, wir reden vor uns hin und leben doch nicht.“
Düster malt Dorothe Sölle das Bild unserer Gesellschaft. Sie prangert eine Gesinnung an, die Zeit und Geld für Dinge opfert, die doch keine innere Zufriedenheit schenken können. Sie leidet unter einer großen Oberflächlichkeit unseres Denkens, das nicht mehr nach Solidarität, nach Sinn und Ziel fragt und so auch nicht mehr zu den eigentlichen „Lebens-Mitteln“ vordringt.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er stirbt sogar am Brot allein. Warum teilt dann Jesus in der Brotvermehrungsgeschichte Brot aus?
Nach dem Schock über die Enthauptung Johannes des Täufers möchte sich Jesus zurückziehen, in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Doch die Leute bekommen es mit und lassen ihn nicht in Ruhe. Den Jüngern wird das Ganze zu viel. Sie möchten wenigstens am Abend ihre Ruhe haben. „Schick sie weg! Die sollen sich selbst versorgen!“
Da legt Jesus, der eigentlich allein sein wollte, ein Veto ein: „Nein, gebt ihr ihnen zu essen von dem wenigen, das ihr habt.“ Sie bringen fünf Brote. Jesus segnet sie, bricht sie in Stücke und lässt die Jünger austeilen. Und siehe: Es reicht.
In der Brotvermehrungsgeschichte geht es nicht um Brot allein. Es geht eigentlich um das Brot der Beziehung, um die Bereitschaft, was ich habe, was mir geschenkt wurde - und das ist nicht nur materiell gedacht - auch weiterzugeben, unter die Leute zu bringen. Und die Brotvermehrungsgeschichte ist überzeugt: Wenn diese Bereitschaft bei den Menschen vorhanden ist, dann geschehen auch heute noch Wunder.
Genau um diese Bereitschaft für das Brot der Beziehung bittet ein Gebet aus unserem Messbuch:
Gott.
Du hast uns verschiedene Gaben geschenkt.
Keinem gabst du alles - und keinem nichts.
Jedem gibst du einen Teil.
Hilf uns,
dass wir uns nicht zerstreiten,
sondern einander dienen mit dem,
was du einem jeden zum Nutzen aller gibst.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht
Ihr Diakon Alexander Fuchs
