Die Erforschung pflanzlichen Lebens wird durch heutige Messmethoden neu belebt. Jüngste Experimente können belegen, wie sinnreich Pflanzen kommunizieren und kooperieren und geben evtl. sogar Hinweise auf ihre Lernfähigkeit und einen individuellen Charakter.
Darauf basierend begann 2023 ein italienisches Bildungsprojekt um den Chronobiologen Maximilian Moser, der die Kommunikation von Pflanzen in Töne umsetzen wollte. Durch die Messung des elektrischen Widerstandes zwischen Erde und Blättern konnte er bald Signale aufzeichnen, die einen Rhythmus erkennen ließen, der mit einer Songline vergleichbar ist. „Die rhythmischen Veränderungen können hörbar werden. Je stärker der Widerstand, desto tiefer die Note. Dadurch spiegelt uns die Pflanze ihren Zustand wider, z.B. vor und nach dem Gießen,“ so Moser. Diese Erkenntnisse stoßen in unterschiedlichen Fachrichtungen auf Interesse. In der Waldorfschule in Köln lauschten im Mai die Zuhörer dem Jazzpianisten Nikolaus Schardt, der aus den elektrischen Signalen von Rosen und Palmen ein Klavierkonzert schuf.
Andere Botaniker wiederum fanden heraus, wie Pflanzen sich gegen Schädlinge wehren. Manche schicken Bitterstoffe in die Blätter oder verströmen Stoffe, die Fressfeinde des Schädlings anlocken.
Besonderes Aufsehen erregte der Ökologe Richard Karban mit seiner Theorie der Pflanzenpersönlichkeiten, die er an Beifußsträuchern erprobte. Er argumentiert, dass Pflanzen zwar kein Gehirn besitzen, aber einen Signaltransport, der an unser Nervensystem erinnert und so Informationen zwischen den Pflanzenteilen austauschen können. So gibt es Beifußtypen, die schon bei kleinsten Gefahren Botenstoffe aussenden, aber auch mutige, die auf die gleiche Herausforderung kaum reagieren.
Eine ebenso interessante Beobachtung machte die Ökologin Monica Gagliano mit Erbsenpflanzen. Ähnlich wie die Pawlowschen Hunde seien sie konditionierbar gewesen, als sie die jeweilige Lichtquelle mit dem Luftzug eines Propellers verband. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin kann daraus die Lernfähigkeit von Pflanzen abgeleitet werden.
Nach anfänglicher Skepsis im wissenschaftlichen Lager wächst das Interesse an Beobachtungen unserer Flora, auch wenn sie nicht in die menschlichen und tierischen Erfahrungswelten einordbar sind. Dass Pflanzen nun mehr Aufmerksamkeit bekommen, mag nicht nur zu neuen musikalischen Impulsen anregen, sondern vielleicht auch ein bisschen Licht ins Rätsel der Fotosynthese bringen. Dass durch den „Lichtwandel“ der Sauerstoff erzeugt wird, dem unser Planet sein Leben verdankt, darf bis heute als ein Wunder gelten, über das wir täglich staunen können – mit jedem Atemzug.
(nach ZEIT 24/2026, U. Schnabel)

